MT-01 in Tirol

Von Ost- über Süd- nach Nordtirol und ein bisschen Vorarlberg dazu.

Unterwegs mit der MT-01

Es muss nicht immer ein Reisedampfer sein, wenn man (Motorrad-) reisen will. Ein Versuch, die MT-01 zur Bergziege zu erziehen.

1.Tankstopp

„Was ist denn das? Ein Traktor? Klingen tut’s jedenfalls so!“ Sepp Obersteiner, der kauzige Chef des Iselsbergerhof beäugt mißtrauisch die MT-01, kaut dabei an seinem Markenzeichen: einer Pfeife. Die ist zwar mittlerweile rein imaginär, weil er mit dem Rauchen aufgehört hat, aber ohne kann er nicht mehr: „Und das da, das sind wohl die Ofenröhrln“, deutet er mit der imaginären Pfeife auf die Akrapovic-Tüten.
Nächste Frage: „Ein kleineres Motorradl hast net gfunden?“
Damit reiht er sich nahtlos in die Gruppe jener, vor allem Herren - zuletzt war’s ein Tankwart - ein, die mich das auch schon gefragt haben und wohl immer wieder fragen werden.
Sepp legt weiter nach: „Die schaut so aus, als wär’s eher was fürs Auftreten vorm Kaffeehaus oder vorm Eissalon.“
„Genau deshalb bin ich hergekommen“, gebe ich zurück.
 
Weil vor dem Hotel das Kaffee- & Wirtshaus ist, strategisch günstig mit Blick auf die B108, jenen Trampelpfad, der zum (oder vom) Großglockner führt.
Ein echtes Road-Movie: An schönen Tagen reißt der Verkehrsstrom – bergauf und bergab – keine Minute ab:
Bikes, mit und ohne Motor, Personenkraftwagen, kleine und große, Wohnmobile, mit und ohne Anhänger, Wohnwagen-Gespanne, mit und ohne Fernsehantenne, Busse, in - und ausländische, kommen vorbei. In der Hochsaison nicht nur am Wochenende. Und grad jetzt, vor Sonnenuntergang, ist’s besonders dicht.
Mir reicht’s eh schon für heute. Zeit für ein Bier. Und für ein ordentliches Essen.
 
Wenn man von Wien nach Tirol will, gibt’s drei Möglichkeiten: Autobahn oder Autoreisezug oder quer durchs Gemüse. Ersteres beides ist unsportlich. Und recht fad. Nachdem sowieso der Weg das Ziel ist, nehme ich die dritte Option. Da bieten sich viele Umwege an. Doch verzettelt man sich leicht, kommt nicht wirklich weiter. Also fasse ich, weil ich wo ankommen will, eher doch das Ziel ins Auge und nicht absolut jeden möglichen Abweg.
Zum Einstieg wählte ich aber einen Wiener Klassiker: die Kalte Kuchl. Topfenstrudel & Melange geben Kraft.
 
„Heute bist aber schon früh unterwegs“, begrüßt mich unser aller Lieblingswirtin. Ist ja auch erst neun Uhr. Dafür ist’s ruhig, keine Biker, keine Bullen.

Auf dem Weg durch Wildalpen & Gesäuse, über den Triebener Tauern, Murau und den Katschberg, weiter durchs Liesertal und dann durchs Mölltal war’s dann bald nicht mehr so ruhig: Abschnittweise herrschte dichter Motorrad-(und Auto-)Kolonnenverkehr. Da ging nur Durchpflügen, à la Traktor auf dem Feld, und da war das Schmalz der MT-01 aus dem Drehzahlkeller grad richtig. Man muss sich nur daran gewöhnen, dass das wirklich nutzbare Drehzahlband einigermaßen schmal ist, fast so wie bei einem Diesel.

Die Challenge an die Agilität der dicken Yamsen
war auf dieser Etappe nicht allzu groß, bis auf ein paar Ecken am Triebener Tauern und am Katschberg musste sie - noch - nicht allzuviel Bergziegen-Talent beweisen. Bei der Abfahrt von Zweiterem war ich sehr froh über de Brembo-Bremserei, bergab schiebt die MT-01 mächtig an.
 
Eine bunte Runde versammelte sich zum Abendessen im Iselsbergerhof, von der strengen Leder-(Fransen-)Abteilung über die echt staubigen Enduro-Reiterei bis zu den grimmigen Supersport-Anraucherei und was sonst alles in und zwischen den Nischen dazwischen herumfährt. Weil’s so schön warm war – trotz der Höhe von rund 1.200 Metern -, blieben die meisten gleich vorm Haus sitzen, pflegten bei bodenständiger Hausmannskost in fester sowie flüssiger Form gehobenes und tiefes Biker-Latein. Ich blieb nicht lange allein sitzen.
„Wo kommst her, wo fahrst hin?“ Wollten ein paar Burschen wissen, dem Zungenschlag nach vom wilden Steirervolk. Gute Frage, dachte ich. „Weiter“, sagte ich.
Die Kollegen ließen nicht locker: „Bist du allein? „Ja“, stellte ich klar: „Und ich fahr auch allein weiter.“ Das war’s dann.
Morgen ist ein anderer Tag.

Das ehrwürdige Hotel Iselsberger Hof liegt direkt an der B108, der Straße zum und vom Großglockner. Hier ist immer was los, sommers wie winters.

Der Gastgarten ist wohlweislich vorm Haus, mit freiem Blick auf Straße und Motorräder: Show-off auf allen möglichen Ebenen und Linien.

Des Chefs derzeit bevorzugtestes Gefährt: Dnepr mit Beiwagen. Eine alte XT hat er auch noch. Die hat er aber diesmal nicht herzeigen wollen.

Die Beiboot-Dnepr ist Familienkutsche und Transferfahrzeug in einem. Wer liegen bleibt, den schleppt der Sepp ab. Nicht nur Damen.

 

Sepp verschwindet ins Haus. Er ist offenbar fotoscheu. Vor allem ohne Pfeife. Oder holt er gerade meinen Kaffee?

Ein paar Kuriositäten finden sich auch auf der sündenfreiesten Alm. Wozu der Weg sonst da ist, als zum Wandern, das Rätsel habe ich nicht gelöst.

Serfaus liegt hoch, die Berge ringsherum sind noch um höher. Empfehlung für untrainierte Geher: Bergfahrt per Seilbahn, Talgang per Pedes.


Für den zweiten Reisetag hatte ich ein Ziel, aber - noch - keinen Weg.
Angesichts des freitäglichen Hochbetriebs entschied ich mich für verschärftes Vorankommen, etwas Einfaches: durchs Pustertal nach Sterzing, von Meran über die geilen Kurven des Reschenpass über die Grenze bis nach Ried und dann hinauf nach Serfaus. Weil die Route nicht gar so spannend war, garnierte ich sie mit vielen Kaffeepausen.
Die Schluss-Etappe - die verwinkelte Auffahrt zum Skigebiet Serfaus-Fiss-Ladis - ist ein Gustostückerl. Für leichte Geräte. Mit der MT-01 muss man ordentlich (Nach-)Druck dahintersetzen, um die engen Kehren elegant zu umrunden. Das leichte Tanzbein mit ihr schwingen ist nicht. Besonders spannend ist es, wenn grad der Linienbus entgegenkommt. Das haut die Linie gleich arg zusammen.
 

 

„Griaß di“, begrüßte mich Günter, Chef des Hotel Regina. Den hatte wohl der Akrapovic-Sound aus der Küche geholt.Ich ließ die Yamsen vor dem Haus einfach stehen und setzte mich gleich einmal in den Vorgarten, um auszuvibrieren (der mächtige V2 hat ja mächtig Leben) und - ja erraten! – einen Kaffee zu trinken. Fürs Bier war es noch zu früh, das gibt’s immer erst ab sieben. Ruhig war’s. Und still. Weshalb ich mich für ein Nickerchen auf den Sonnen-Balkon verzog. Aber die Ruhe währte nicht lange.
 

 

„Das machst du nicht noch einmal“, tönte Zeter und Mordio herauf: „Du zahlst heute eine Runde!“ Vorm Haus stand ein wild brüllend diskutierendes Biker-Rudel, hörbar aus dem deutschsprachigen Nachbarland.
Da hat einer die Gruppen-Ordnung durch unerlaubtes Überholen gestört. Gut, dass ich alleine unterwegs bin! Die hätten eine Freude mit mir, so viel Schnaps könnte ich gar nicht derzahlen. „Was ist denn das für ein sauschweres Trumm“, schimpfte gleich darauf der mit „du zahlst heute eine Runde“. Ich linste übers Balkongeländer. Er mühte sich mit der MT ab, rangierte sie vor und zurück, vor und zurück, bis sie streng parallel zu den anderen Motorrädern stand. „So was Asoziales. Stellt da so ein Trottel sein Bike mitten auf den Parkplatz“, schimpfte er dabei.
„Der Trottel bin ich!“, konnte ich mich nicht enthalten, frech vom Balkon runter zurufen. Stille.
 

„Komm herunter, wenn du dich traust“, rief der dann frech von unten herauf: „Dir wird’ ich was erzählen.
Das tat er nicht, als er meiner ansichtig wurde. „Was, du? Du fährst mit der? Ist die nicht zu groß und zu schwer für dich?“ Na super, schon wieder so ein Klug-Sprecher..
Die nächste Standard-Frage folgte beim abendlichen und köstlichen Dreigänge-Menü: „Bis du allein unterwegs?“
Ja, meine Herren, und das will ich auch bleiben. Denn morgen ist Wandertag. Ich habe vor, auf die Alm zu gehen, vor der Hütte in der Sonne zu liegen und einen Tag Motorrad-Abstinenz und Einkehr zu üben. Am Samstag ist zu viel los. Urlauber-Schichtwechsel.

 
Nach dem Wander- und Ruhetag ausgeruht & gestärkt, vor allem ent-vibriert, ließ ich am Sonntag Schwimmbad und Almhütte links liegen und ging einen weiteren Klassiker an: Arlberg, Flexenpass, Lech-Warth, Au, Großes Walsertal, Bludenz, Montafon, Silvretta, Galtür, Landeck, Ried, Serfaus stand auf dem Programm.
Bei der Anfahrt zum Arlberg lief ich auf eine doppelt besetzte XJR 1200 im Kenny Roberts-Design auf. Aha, Bregenzer Kennzeichen. Ein Einheimischer. Aber der fuhr eine mir nicht nachvollziehbare Linie. Also überholen. Bald war er aus meinem Rückspiegel verschwunden. Im nächsten Ortsgebiet pfiff er auf Höhe des 50er-Taferls an mir vorbei. Vor uns baute sich hernach ein Wohnmobil auf, machte sich breit. Ich ließ mich zurückfallen, blieb aber auf der Mittellinie, um den Überblick zu behalten. Vor dem nächsten Tunnel erspähte ich eine Lücke und stach vorbei. Die XJR war aus meinem Rückblick-Feld verschwunden. Für den Rest des Arlbergs.
 

Die Almhütte ist eine Dependance des Hotel Regina und ein Hort der Ruhe und der Stille. Außer, wenn die vorbeiziehenden Wanderer grad singen.


Zwischen Lech und Warth legte ich eine Pause ein,
musste mir genau anschauen, wie die Straße, die allwinterlich in den Verkehrsdurchsagen als gesperrt gemeldet wird, ausschaut, wo die überhaupt ist. Sie ist ja dem Ostösterreicher einigermaßen fern. Während ich noch schnell eine Zigarette inhalierte, tauchte plötzlich die ernsthafte Truppe vom Vorabend auf. Ausdämpfen. Nichts wie weg. Ich hatte keine Lust auf Fragen, Erklärungen und Diskussionen.
Mittlerweile erwachte rundum sonntägliches Ferienleben. Trotzdem war zumindest der Auto-Verkehr nicht allzu dicht. Die meisten waren wohl wandern oder baden oder sonstwas. Motorräder waren jedoch in Hundertschaften unterwegs. Ich machte mich schon auf einen Stau bei der Silvretta-Mautstelle gefasst.
 

 

Beim Kassier-Kabäuschen der Silvretta-Höhenstraßé war aber fast gar nichts los. Ein paar schwere Tourendampfer, und aus. Die kämpften. Die Mautstelle steht nämlich just auf einer Steigung. Und eines der voll bekofferten Mammuts setzte zur Solo-Talfahrt an. Rückwärts. Woraufhin fünf gesetzte Herren in schwerem Schwarzleder und Klapphelmen so behende wie es ging hinterher rannten und sich gegen die dicke Berta stemmten, um sie mit vereinten Kräften zum Stillstand zu bringen. „Du musst einen Gang einlegen, du Trottel“, lautete die wenig charmante, aber berechtigte Zurechtweisung an den Besitzer des Dickschiffs. Nach dieser kleinen Einlage schaute ich, dass ich weiterkam. Auf dem engen Straßerl wär’s nicht so einfach gewesen, sich an den unter ihrer schweren Last schlingernden Trümmern vorbeizuquetschen, zumal die MT ja auch nicht grad die Schlankste ist.

 
 

Hinauf zum Stausee war so gut wie kein Verkehr (den meisten ist wohl die Maut zu teuer). Also wuchtete ich die MT-01 in aller Ruhe über die enge Straße mit bis zu 14 Prozent Steigung. Mit dem nötigen Schwung und engagiertem Körpereinsatz geht’s ziemlich beherzt um die Ecken. Anstrengend ist das schon. Doch ich dachte mir: „Langsam wachs ma z’samm.“ Auch wenn die Yamsen wirklich nicht zur Bergziege geboren ist, eine Gazelle wird sie nie.
Auf jeden Fall war mir nicht kalt, obwohl in der Höhe von 2000 Metern ein recht scharfer Wind bläst, wie ich am Silvretta-Stausee feststellen konnte. Der Blasius wurde umso kühler, je mehr Wolken herandräuten. Das Wetter machte sich offenbar für einen Wechsel bereit, vom Hochsommerlichen zum Frühherbstlichen. Mit den ersten Regentropfen ritt ich die MT geschwind talwärts.
 

Rast am Wegrand. Machmal muss auch das stärkste Bike verschnaufen. Zum Klettern ist die Yamaha MT-01 nicht wirklich geboren. Am Silvretta-Stausee pfeift auch im Hochsommer der Wind mit grimmiger Schärfe. Ein Bad ist deshalb sicherlich nicht empfehlenswert.


In Ischgl war’s wieder sonnig.
Und heiß. Aber nur kurz. Bis Serfaus hatten mich fette Regenwolken eingeholt, und just als ich die Yamaha abstellte, begann es zu schütten wie aus Kübeln. Als eine Stunde später die bereits mehrmals erwähnte 20-Mann-Truppe eintraf, ging das Geschimpfe und Gemecker gleich wieder los. „Scheißwetter“, war das erste, was unter den triefenden Helmen hervordampfte. Immerhin hatten alle brav ihr Regengewand an. Das Wetter war bis zum Abend-Abschluss an der Bar Thema Nummer eins. Die Vorhersagen lauteten auf Regen. Durchgehend von West bis Ost. Heimfahrwetter.

 

Am nächsten Tag hingen die Wolken wirklich tief, hüllten Serfaus, das auf 1.100 Metern liegt, vollständig ein. Es regnete nicht einmal richtig, es war so etwas wie ein feiner Sprühnebel. „Das reißt auf“, meinte Günter. „Ja wann?“, war meine Frage. „Bald“, war die Anwort. Auf bald konnte ich leider nicht warten, wenn ich die mehr als 600 Meter bei gutem Tageslicht schaffen wollte.
Um zehn Uhr reichte es mir mit dem Warten. Die Abfahrt nach Ried war die reinste Rutschpartie, die Straße ist nicht bekannt für guten Grip. Und der Bus vor mir. Also nix mit Schwung ums Eck’.

 

Immerhin hörte der Regen auf halber Talfahrt-Strecke auf. Günter hatte recht gehabt mit dem Aufreißen. Die Sonne zwängte sich zwischen den Wolken hervor und begleitete mich über die fade Autobahn via Innsbruck bis Wörgl und dann bis nach Kitzbühel, wo es sich programmgemäß durchs ganze Ortsgebiet staute. Wohnwagen, Wohnmobile, Anhänger, hier war wieder einmal eine Völkerwanderung im Gange. Trotz engagierter Überholmanöver verlor ich wertvolle Trockenzeit. Denn am Pass Thurn holte mich der Regen endgültig ein. Und hörte erst auf der Paßhöhe von Obertauern wieder auf. Schlagartig. Dafür hatte es hier heiße fünf Grad plus. Die Konditorei war schon zu. Ist halt nicht viel los hier, im Sommer.

 

Immerhin war es auf dem Rest des Weges staubtrocken. Um sechs war ich in Kapfenberg. Zeitmäßig eine reife Leistung. Denn die MT-01 ist keine Kostverächterin und braucht viele Tankstopps.
Gesättigt vom Autobahn-Glühen und wissend, dass es im Juli noch lange hell bleibt, fahre ich von der S6 ab und kehre via Seebergsattel, Mariazell und Ochsattel quasi an den Ausgangspunkt zurück. In die Kalte Kuchl. Schon lang keinen Topfenstrudel mehr gehabt. Schon gar nicht zum Abendessen.

 

Reise Infobox


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Text: Beatrix Keckeis-Hiller
Fotos: Beatrix Keckeis-Hiller

Bericht von karolettaLambretta am 19.03.2008 Aufrufe: 16.625

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