|
Es war gut, dass mich der
Renegade gleich auf den ersten Metern zurecht wies. Auf dem Weg von der
Garage hinüber zur Tankstelle muss man bei der Ampel mit der kürzesten
Grünphase der Welt links abbiegen. Klar blinkte es bereits als ich zur
Kreuzung kam und es war nötig mit dem völlig unbekannten Gerät kurz aber
heftig Gas zu geben. Das Fahrzeug folgte den Gesetzen der Physik und der
Anordnung vom 62PS starken 800er Motor und legte einen fulminanten Drift
über alle 4 Räder hin. In einer Fotokurve gelingt das nie, vor
wertschätzendem Publikum ebenso wenig. Die reife Dame im Volvo gutierte
es ebensowenig wie mein eigenes Ich. Würde ich rauchen und wäre ich an
keiner Tankstelle, wäre es nun an der Zeit für ein paar tiefe
Lungenzüge.
Der Renegade darf in Mitteleuropa zwar als Männerspielzeug bezeichnet
werden, ist aber sicherlich das männlichste Spielzeug am großen Markt
der Fun-Produkte. Jedes moderne Auto mit ein paar Hundert PS unter der
Haube kastriert den Motor wenn es haarig wird und das Fahrzeug folgt
weniger dem Piloten als dem Zentralrechner. Der Renegade gibt die ganze
Kraft noch hart und unzensuriert weiter. Quad-Insider ist der Renegade
sicher ein Begriff, für alle anderen hier eine kleine Einschulung in die
Sachlage
Brückenschlag
Bisher hatte man die Wahl zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite
waren die sportlichen Quads mit Heckantrieb, cooler Optik, geilem Sound
und imposanten Auftreten. Echte Blickfänger welche vor der Eisdiele
jeden Ferrari ausstechen. Auf der anderen Seite die eigentlich
grundvernünftigen ATVs. Brave Arbeitstiere, deren Optik eher an eine
Landmaschine als an ein Männerspielzeug erinnert mit 4-Rad-Antrieb und
unschlagbarer Performance im Gelände. Der Renegade ist die logische
Symbiose von einem Hersteller mit unerschöpflicher Erfahrung in beiden
Welten.
Für die Vernunft..
Der Renegade wird vom topmodernen und eigentlich verschwenderisch
dimensionierten 800er-V2 aus dem Hause Rotax befeuert. Am Motor hängt
ein stufenloses Automatikgetriebe welches die Kraft über
Differential-Getriebe auf Wunsch auf 2 oder 4 Räder weiter gibt. Die
Sitzposition ist relativ entspannt und die Sitzbank komfortabel. Durch
das bedingungslos auf Offroad-Tauglichkeit getrimmte Antriebskonzept
sind mit dem Renegade so ziemliche alle Offroad-Sektionen problemlos und
sicher zu meistern. Der Renegade verrichtet seinen Dienst als
Schneepflug, Zugfahrzeug hinauf zur Berghütte oder als Transportfahrzeug
für Waldarbeiter perfekt. Offen gesagt ist dieses Gerät für die
Möglichkeiten welche hier in Mitteleuropage geboten wurden in jeder
Hinsicht zu gut. Gebaut wird das Fahrzeuge eigentlich für den
nordamerikanischen Markt. Dort vertrauen in den einsamen Weiten der
Wildnis verschiedenste Anwender täglich auf Geräte wie den Renegade.
Dort werden im Monat Kilometerleistungen heruntergespult, welche bei uns
ein Quad vermutlich erst im Laufe mehrer Jahre zu Gesicht bekommt.
Für das Ego...
Der optische Auftritt vom Renegade passt ganz einfach. Die mächtigen
Räder schwellen exponiert aus den Radkästen hervor, der Bullenfänger an
der Front verschafft Respekt und das grimmige Antlitz der Scheinwerfer
macht klar wie ernst es der Renegade meint. Bei Ausfahrten kann das
treue Arbeitstier wenn nötig auch zur Sportskanone mutieren. Mit
Hinterradantrieb gelingen dank genug Leistung die schönsten Drifts und
mit dem Allrad lassen sich auch auf ein kleinen aber unwegsamen
Grundstücken viele Blödheiten anstellen. Auf der Strasse macht der
Renegade zwar auch mit der groben Bereifung viel Spaß, doch die Stollen
schmelzen schneller dahin wie damals die Mäde....okay lassen wir das.
Der Motor
Der 800ccm Motor kam auch schon im Arbeitstier Outlander 800 zum
Einsatz. Die 62 PS schüttelt das Aggregat spielerisch aus den Ärmeln.
Mehr ist offen gesagt nicht nötig und so ist man in Sachen Haltbarkeit
sicherlich auf der sicheren Seite. Wir fuhren das Quad nur zur
Sicherheit auch auf einer Autobahnetappe und bei langen Geländepassagen
im Schrittempo. Hier spürt man den Unterschied zu den billigen Teilen
aus China. Die elektronische Einspritzung ist sauber abgestimmt und der
Motor spricht immer sauber und direkt auf Befehle an. Niemals wirkt der
Motor angestrengt und beginnt mit unwürdigen Geräuschen Sorgenfalten auf
die Stirn zu zaubern. Angstschweiß macht sich jedoch breit, wenn man den
Gashebel heftig umlegt. In 5.1 Sekunden jagt man an der Ampel den
Renegade von 0 auf 100. Schneller als die meisten Autos und in Wahrheit
auch schneller als die meisten ungeübten Motorradfahrer.
Für Komfort sorgt auch die
unübliche Zylinderanordnung von 80 Grad. Ganz hab ich das Thema
Schwingungsaugleich noch nie verstanden, doch angeblich hat man mit
dieser Konfiguration die Vibrationen gut im Griff. Ich kann nur sagen
das weder im Sattel noch in den Händen störende Schwingungen übrig
bleiben. Kein Vergleich zum harten 650er Einzylinder aus dem Hause Rotax,
mit dem ich ebenfalls schon viele schöne Erlebnisse hatte.
Das Getriebe
Warum gibt es sowas noch nicht für meine Enduro? Der Motor arbeitet bei
Schrittgeschwindigkeit und auch bei hohen Geschwindigkeiten immer in
einem gut nutzbaren Drehzahlbereich. Stufenlos wählt das Getriebe die
für die jeweilige Fahrsituation richtige Übersetzung. So krallt sich im
Gelände bei Bedarf immer das volle Drehmoment in den Hang. Einen kleinen
Nachteil empfinde ich bei dem ansonsten so makellosen Teil. Wenn im Wald
die ernsten Spaziergänger kritisch das mächtige Erscheinungsbild
mustern, würde ich gerne ein paar Gänge höher schalten um etwas leiser
unterwegs zu sein. Der Auspuff liefert ja zum Glück wirklich kernigen
Sound, doch als rücksichtsvoller Fahrer hat man hier leider zu wenig
Gestaltungsmöglichkeiten um im Bedarfsfall so leise wie möglich fahren
zu können.
Die letzten Reste der Schaltung
bedient der Pilot mit der rechten Hand in Form eines Schalthebels. Nach
vor oder zurück, Leerlauf und Parkposition stehen zur Verfügung. Für
schlimmes Gelände gibt es noch den Kriacha (zu Deutsch: eine
Untersetzungsgetriebestufe). Damit könnte man dann Wohnwägen auf den
Berggipfel ziehen oder sich ganz alleine an Kraft erfreuen.
Die Bremsen
Motorradfahrer werden erschüttert sein, wenn sie das erste Mal in die
Eisen greifen. Doch ich will relativieren. Ein Quad ist deutlich
schwerer als jedes Motorrad und im Vergleich zu den Mitbewerbern auf 4
Rädern bremst die Anlage sehr sauber. Vorne steckt in jedem Rad eine
Bremsscheibe, hinten sitzt eine zentrale Scheibe gut geschützt vor dem
Differential. Bei Bergabfahrten kann man übrigens getrost dem
Getriebe die Arbeit übernehmen lassen. Gerade mit der richtigen
Motorbremswirkung wird das ATV sanft den Hang hinuntergelassen. Wer
trotzdem die Bremse zur Unterstützung benötigt kann sich vor allem bei
der Vorderbremse über exakte Dosierbarkeit freuen.
Das Chassis
Kleine Details am Renegade
klingen im Prospekt recht nett, machen sich aber erst in der Praxis
bemerkbar. Wie zum Beispiel der schlau konstruierte Unterboden. Im
Prinzip hat man es hier mit einem Schlitten aus Stahl und Alu zu tun.
Vom Rammschutz ausgehend hat man eine durchgehend glatte Fläche nach
hinten mit der man über Steine und Äste schlittern kann. Sinnvoll immer
dann, wenn die Bodenfreiheit von 30cm doch nicht ausreichend ist.
Quad Kenner werden vor allem die
Visco-Lok Technik im Differential der Vorderräder zu schätzen wissen.
Hier legt Can-Am ein Meisterwerk an Antriebstechnik hin. Das System
verteilt die Kraft immer an jenes Rad welches gerade mehr Grip zur
Verfügung hat. Ich kannte solche Systeme aus Geländewägen, doch dort
riss es mir damals fast das Lenkrad aus der Hand, sobald sich die Räder
im Morast verbissen. Beim Renegade arbeitet die Lenkung völlig
unbeeindruckt von den Kräften welche im Differential und an den
Vorderrädern werken. Im Sattel spürt man einfach nur das unspektakuläre
Vorankommen selbst bei widrigsten Verhältnissen.
Für Techniker: Im Vergleich zu
anderen Systemen am Markt wird hier nicht nur die Drehzahl der beiden
Räder variiert sondern auch das Drehmoment welches jeweils zur Verfügung
steht.
Die Sitzbank vom Renegade ist
übrigens eine Mischung aus Sofa und Motorradsattel. Schmal genug um
darauf wenn nötig artistische Manöver abzuliefern, aber trotzdem sehr
komfortabel. Die Sitzposition sollte für Leute von 1.65cm - 1.90cm
Körpergröße passen.
|